Anleitung Ringpanzer (1/2)

Im Netz gibt es viele Anleitungen zu Kettenhemden, aber kaum eine davon schafft es, die passende Formgebung historischer Ringpanzer zu vermitteln. Hier wird daher statt einer weiteren Anleitung darauf eingegangen, was einen gut geformten Hauberk ausmacht.

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Relief Marseillaise auf dem Arc de Triomphe. Es zeigt zwei Ringpanzer mit verschieden Ausrichtungen des Europäisch-4in1- Musters.

Das Bild zeigt das Relief Marseillaise auf dem Arc de Triomphe in Paris. Darauf sind beide Orientierungen des 4in1-Geflechts zu sehen: Links ist das Geflecht in der üblichen „normalen“ Art orientiert. So aufgehängt zieht es sich um den Körper zusammen, liegt gut an und senkrechte Hiebe gleiten besser ab. Bei der Person rechts ist das Geflecht um 90° gedreht orientiert. So spreizt es sich auf. Hiebe bleiben dann leichter hängen. Diese Orientierung wurde und wird daher sehr selten verwendet. Ich habe sie vorallem an Kustwerken gesehen, kaum jedoch an verwendbaren Ringpanzern.

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Europäisch-4in1-Geflecht unterschiedlich stark gespannt.

Bei der normalen Orientierung stellt sich die Frage, wie weit man den Ringpanzer in horizontaler Richtung (also entlang der Reihen) um einen Körper abmessen muss. Schließlich legt es sich an den Körper an und zieht sich zusammen. Das Bild zeigt zwei Geflechte in „normaler“ Orientierung. Das heißt horizontal verlaufen Reihen und vertikal Spalten. Die Geflechte sind in horizontaler Richtung unterschiedlich lang. Das linke Geflecht hat sich weniger zusammen gezogen; das rechte mehr. Man kommt schnell auf den Gedanken, das Geflecht möglichst gespannt zu bauen, um Gewicht zu sparen. Allerdings kann das auf Kosten der Beweglichkeit des Trägers gehen. Außerdem verliert ein zu gespreiztes Geflecht einen Teil seiner Schutzwirkung. Es kann nämlich auftreffende Kräfte weniger verteilen. Ich bevorzuge ein Geflecht das dichter als das linke, aber weniger dicht als das rechte Geflecht ist.

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Reihen und Spalten im Europäisch-4in1-Geflecht

Um überall eine passende Dichte des Geflechts zu gewährleisten, muss man von der Vereinfachung abweichen, der menschliche Körper wäre ein Zylinder. Das heißt je nach Statur des Trägers sollten die Reihen an Brust und Hüfte länger sein, als am Bauch. Zusätzlicher Platz muss für die Schulterblätter geschaffen werden. Ärmel sollten sich zur Hand hin verjüngen und am Besten mit einem Winkel im Ellenbogen versehen sein. Im Bild wird verdeutlicht, was mit Reihen und Spalten im 4in1-Geflecht gemeint ist.

Das Geflecht an den Ärmeln kann mit den Reihen entlang der Ärmel oder mit den Reihen um die Ärmel konstruiert werden. Bemerkenswert ist, dass die linke Person auf dem Relief gleich beide Orientierungen an einem Ringpanzer trägt. Am linken Ärmel verlaufen die Reihen um den Ärmel, am rechten Ärmel dagegen entlang diesem. Das ist als künstlerische Freiheit des Bildhauers aus dem 19. Jahrhundert anzusehen und entspricht nicht unbedingt einer für den Kampf funktionalen Konstruktion. Tatsächlich ist es sehr schwierig, die Stelle um die Achseln in einem Schema korrekt wieder zu geben, da man die Erweiterungsringe schlecht hervorheben kann. Die folgenden Bilder können daher nicht vollständigen Aufschluss über die Konstruktion der Achseln geben.

Beide Varianten unterschiedlich orientierter Ärmel sind historisch belegt. Die Konstruktion mit den Reihen entlang der Ärmel ist einfacher umzusetzen. Dafür spreizt sich hier bei herabhängenden Armen das Geflecht. Eine gut bebilderte Anleitung für diese verbreitete Variante ist auf kettenhemd-anleitung.de zu finden.
Die Variante mit um den Ärmel verlaufenden Reihen (wie hier rechts dargestellt) rechtfertigt ihre anspruchsvollere Konstruktion durch einige Vorzüge: Diese hängen alle damit zusammen, dass man das Geflecht entlang der Spalten so gut wie unsichtbar durch Erweiterungsringe verjüngen kann. Bei einer Verjüngung entlang der Reihen müssen dagegen öfters zwei Reihen zu einer vereint werden, was durch heraushängende Ringe oder Löcher erkennbar wird. Mit den Reihen entlang der Ärmel wirken diese daher nahtlos. Außerdem verlaufen bei dieser Variante wie eingezeichnet auch Reihen rings um den Hals und erleichtern das Anbringen einer Kettenhaube oder eines Kragens aus Ringen. Mit einer passenden Konstruktion um die Achseln kann man dort verhindern, dass sich die Spannung beim Heben der Arme auf einzelne Punkte konzentriert. Das rechte Bild zeigt, wie ich dies an einem Hauberk umgesetzt habe. Dies ist nur eine von vielen Möglichkeiten. Man kann 90° versetze Geflechte auch direkt mit einer Naht verbinden. Eine Anleitung für Reihen entlang der Ärmel gibt es auf tempora-nostra.de. Dort werden die Erweiterungsringe allerdings alle entlang von Linien gesetzt, was sichtbare Nähte ergibt. Besser ist es, sie gestreuht über das Geflecht zu setzen.

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